Mit grossen, unsicheren und feuchten Augen stellte mir meine Patientin eben diese Frage, nachdem sie sich mehrmals dafür entschuldigt hatte, dass sie (ein wenig) geweint hatte im Gespräch mit mir.

«Wer sagt denn, was normal ist und was nicht?» fragte ich zurück.
«Natürlich ich selbst», sagte die Frau. «Jetzt bin ich aber schon 40 Jahre alt und habe meine Emotionen immer noch nicht im Griff!»

Sie hatte sich im Frühling Unterstützung von einer Psychologin geholt, nachdem sie die Leistung bei der Arbeit nicht mehr bringen konnte, völlig erschöpft war und unter massiven Angstzuständen litt. Da die ambulante Begleitung nicht mehr griff, kam sie zu uns in die Klinik.

Das erste Mal in ihrem Leben erzählte sie ihre Geschichte und liess die Trauer um den frühen Verlust ihrer beiden Eltern zu. Als elfjähriges Mädchen verlor sie ihre beiden Eltern kurz nach einander durch einen Herzinfarkt und Krebs.
Schlagartig baute sie eine Fassade auf, weinte nur noch wenn sie alleine war, lächelte fortan und kümmerte sich vor allem um das Wohl ihrer Mitmenschen.

Sie habe keine Jugendzeit gehabt, sich immer angepasst und sich nicht für sich einsetzen gelernt. Vieles habe sie über sich ergehen lassen.

Durch die intensive Arbeit an ihren inneren Anteilen, kam sie sich nun endlich ein Stück näher- glaubte aber, sie hätte ihre Geschichte innerhalb weniger Wochen Therapie aufarbeiten sollen. 𝐖𝐚𝐬 𝐟ü𝐫 𝐞𝐢𝐧 𝐢𝐦𝐦𝐞𝐧𝐬𝐞𝐫 𝐢𝐧𝐧𝐞𝐫𝐞𝐫 𝐃𝐫𝐮𝐜𝐤!!

«Was meinen sie denn nun, bin ich abnormal, Frau Balmer??»

Ich antwortete, dass ich hier nicht werten wolle. Sie habe es geschafft, die Fassade einen Moment bröckeln zu lassen und Tränen zuzulassen- dies gelte es meines Erachtens zu würdigen!

«Ja, ich werte sehr rasch, wenn es um mich selbst geht», entgegnete die Frau nachdenklich.

Wir wandten uns dem zu, was damals das kleine Mädchen von den Erwachsenen in ihrem Umfeld gebraucht hätte. Ohne Schuldzuweisungen konnte dies die junge Frau sehr gut formulieren. Es war ihr möglich, im 𝐀𝐧𝐞𝐫𝐤𝐞𝐧𝐧𝐞𝐧 𝐮𝐧𝐝 𝐯𝐞𝐫𝐛𝐚𝐥𝐢𝐬𝐢𝐞𝐫𝐞𝐧 𝐢𝐡𝐫𝐞𝐫 𝐁𝐞𝐝ü𝐫𝐟𝐧𝐢𝐬𝐬𝐞 etwas freundlicher mit sich selbst als erwachsene Frau umzugehen.

Im Hier und Jetzt war es ihr nun möglich, sich einen kurzen Moment lang 𝐒𝐞𝐥𝐛𝐬𝐭𝐰𝐞𝐫𝐭𝐬𝐜𝐡ä𝐭𝐳𝐮𝐧𝐠 zu geben und 𝐃𝐚𝐧𝐤𝐛𝐚𝐫𝐤𝐞𝐢𝐭 zu fühlen für ihren 𝐌𝐮𝐭 und die Kraft, 𝐬𝐢𝐜𝐡 𝐳𝐮 𝐳𝐞𝐢𝐠𝐞𝐧- 𝐬𝐨, 𝐰𝐢𝐞 𝐬𝐢𝐞 𝐰𝐢𝐫𝐤𝐥𝐢𝐜𝐡 𝐢𝐬𝐭!